Beim lesen darf es hin und wieder auch mal leichte Kost sein, doch die Autorin Gabriele Remscheid bevorzugt Fakten und Tatsachen. So auch in ihrem Buch „Gesprengte Fesseln“ welches soeben erschienen ist.
Das Thema häusliche Gewalt lässt sie nicht los, muss verarbeitet werden. In ihrem ersten Werk geht es um eigene Erfahrungen, Auswirkungen auf Beziehungen und Beruf.
Obwohl Gabriele sich als romantisch bezeichnen würde, spürt der Leser in ihrem Werk davon nichts. Ich stellte Frau Remscheid einige Fragen.
Interview mit der Autorin Gabriele Remscheid
D. Kurtensiefen: Guten Tag Frau Remscheid, soeben ist ihr Buch „Gesprengte Fesseln“ auf dem Markt erschienen. Sie erzählen darin von ihren eigenen Erfahrungen. Was war Ihre Motivation damit an die Öffentlichkeit zu gehen?
Gabriele Remscheid: Meine Motivation ist im Buch verborgen. In all den Jahren hätte ich mir einen Menschen gewünscht, der nicht weg sieht sondern mir seine Hand reicht.
D. K: Sie hoffen dies mit Ihrem Buch zu erreichen?
G.R: Ja ich wünsche mir, die Gesellschaft für das Thema häusliche Gewalt zu sensibilisieren. Erst wenn die Gesellschaft begreift, also mein nahes Umfeld, dass es keine Privatangelegenheit ist, wenn es Gewalt in einer Beziehung gibt dann werde ich aufhören.
D. K: Wie kann ein Außenstehender wissen, ob es Gewalt oder ein normaler Streit ist?
G.R: Bei normalen Auseinandersetzungen kommt es nicht zu körperlichen Übergriffen, dessen Folgen für jeden sichtbar sind und ihn deshalb zum eingreifen motivieren sollten. Schwerer ist es wenn es sich nur um psychische Gewalt handelt. Die kann ein Unbeteiligter nur selten erkennen. Ich persönlich werde auf Grund meiner Erfahrungen immer stutzig wenn ich auf eine normale Frage zu hören bekomme, muss ich erst mal fragen, muss ich mit meinem Mann sprechen. Dies klingt für mich wie Erlaubnis holen. Bei meinem heutigen Mann benötige ich für nichts eine Erlaubnis, und ich denke so sollte eine gesunde Beziehung sein. Aber auch wenn jemand auffällig oft Verletzungen hat. Man ständig nur Streit aus der Wohnung hört, die Kinder häufiger als normal weinen, sollte man hinsehen. Lieber zehnmal zu viel als nur einmal zuwenig.
D. K: Ohne Ihnen zu Nahe treten zu wollen, aber ist Gewalt in Beziehungen nicht etwas was nur in sozial schwachen und ungebildeten Familien vor kommt?
G.R: Nein! Häusliche Gewalt kommt in allen sozialen Schichten vor. Das hat weder etwas mit Status, Bildung oder Nationalität zu tun. Studien belegen das jede vierte Frau in Deutschland, in einer gewaltgeprägten Beziehung lebt, oder Erfahrungen damit gemacht hat. Stellen Sie sich vor sie wohnen in einer Siedlung, dort stehen einhundert hübsche kleine Häuser. In 25 Häusern erlebt eine Frau jeden Tag die Hölle. Dagegen muss man einfach etwas machen. Auch unsere Politik ist gefordert. Die Hilfen die es angeblich gibt, sind leider nur auf dem Papier vorhanden. Es wird Betroffenen unheimlich schwer gemacht Unterstützung zu bekommen.
D. K: Wie ist Ihre Beziehung heute zu Männern, sie sind ja wieder verheiratet.
G.R: Meine Beziehung zu Männern ist gut. Ich kann für einen nicht alle verteufeln. Aber auch heute noch meide ich Männer die ein Alkoholproblem haben, oder ein hohes Gewaltpotenzial. Feste auf denen übermäßig getrunken wird, meide ich nach Möglichkeit.
D. K: Verstehe ich das richtig, sie haben heute noch Probleme? Könnten also nicht z.B. an Karneval in Köln sich unter das Volk mischen?
G.R: Nein dies ist für mich undenkbar. Die Angst das einer dieser Angetrunkenen ausrastet, es zu Ausschreitungen kommen könnte, lässt allein schon jetzt bei dem Gedanken daran mein Herz rasen, meine Hände werden feucht. In einer solchen Situation würde ich eine Panikattacke bekommen. Wenn ich mitbekomme wie einem schwächeren Gewalt angetan wird, habe ich noch Tage später mit Albträumen zu kämpfen. Manchmal reicht ein Wort, eine Geste und ich lebe wieder in der Vergangenheit. Sie müssen sich dies wie einen Film vorstellen der erneut abgespielt wird.
D. K: Sie haben vier Kinder, wie gehen die mit dieser Vergangenheit um?
G.R: Wenn Sie die Kinder selber fragen würden, bekämen sie die Antwort mir geht es gut. Doch ich weiß das es ihnen nicht gut geht. Alle vier haben in der Schule versagt, kämpfen zum Teil jetzt auf dem zweiten Bildungsweg darum doch noch eine Ausbildung zu schaffen. Mein jüngster ist ebenfalls auf die schiefe Bahn geraten, allerdings weniger Alkohol dafür Drogen. Heute weiß ich es wäre besser gewesen früher zu flüchten, anstatt die Kinder solange diesem Umfeld aus zu setzen.
D. K: Früher flüchten? Warum sind Sie so lange geblieben?
G.R: Ich habe mehrfach versucht Hilfe zu bekommen. Habe die Polizei angerufen, und einmal war ich im Frauenhaus. Die Hilfe die mir dort angeboten wurde, hätte die Trennung von den Kindern bedeutet. Die Räumlichkeiten dort waren sehr klein, und sie wollten die Kinder in Heimen unterbringen, bis ich eine Wohnung und Arbeit gefunden hätte. Eine Trennung von den Kindern war für mich unvorstellbar, und so gingen wir wieder zurück.
D. K: Wenn Sie heute noch mal vor dieser Entscheidung stehen würden, wie würden Sie dann handeln?
G.R: Ich glaube anders, denn durch das zurück gehen habe ich ihnen geschadet. Wobei ich natürlich auch nicht weiß, ob es anders oder besser gewesen wäre wenn sie in Heimen gewesen wären. Wie sie die Trennung verkraftet hätten. Eins meiner Kinder sagte mir mal, wenn Du das getan hättest würde ich Dich hassen. Das Du uns nicht weg gegeben hast, dafür habe ich Dich lieb. Sie sehen diese Frage kann man pauschal nicht beantworten.
D. K: Gibt es etwas was Sie Frauen raten, die in ähnlichen Situationen sind?
G.R: Ja, ich sage immer wieder, flüchtet nach dem ersten Übergriff. Glaubt nicht den Beteuerungen das es ihm leid tut. In dem Augenblick stimmt diese Aussage zwar, doch er wird es immer wieder tun. Kein Mensch hat es verdient regelmäßig mit Gewalt konfrontiert zu werden.
D. K: Haben Sie schon Reaktionen auf Ihr Buch bekommen, wenn ja wie sind diese ausgefallen?
G.R: Ja habe ich erhalten. Überraschenderweise sehr positive Reaktionen. Eine Leserin war total überrascht das dieses Buch nicht nur traurig oder wütend macht sondern Hoffnung gibt. Eine andere Lesern sagte das ich Ihr den Mut gegeben habe ihre Geschichte zu erzählen. Sie selber erlebte als Kind dieses Szenario zwischen ihren Eltern und bisher wissen nur wenige enge Freunde davon. Doch von allen Seiten höre ich das es wichtig ist nicht zu schweigen.
D. K: Wie haben sie die Reaktionen ihres Umfeldes auf ihr Buch getestet, wie haben sie heraus gefunden, wie andere auf ihr Buch reagieren?
G.R: Das war eine Sache für sich. In meiner Freizeit bin ich Moderatorin in einem Webradio, und dort habe ich eine Zeit lang in meinen Sendungen Auszüge aus meinem Buch vorgelesen. Viele der Hörer wussten nicht das diese Texte von mir waren, und von meinem Leben handelten. Es kam zu den unterschiedlichsten Reaktionen. Besonders von anderen betroffenen Frauen. Einige traten den Rückzug an, weil sie nichts mit diesem Thema zu tun haben wollten, andere diskutierten öffentlich im Chat mit mir darüber, und wieder andere baten um meine Mailadresse und schrieben mir ihre Erlebnisse. Also recht vielfältige Reaktionen und Arten mit dem Erlebten fertig zu werden.
D. K: Ich habe im Vorfeld zu diesem Interview erfahren, das sie dieses Buch zuerst in einem anderen Verlag veröffentlichen wollten. Ist das richtig?
G.R: Sie haben da etwas richtiges gehört. Dies war ein kleiner Verlag in Berlin der gerade Bücher zu diesem und ähnlichen Themen heraus bringen wollte. Doch anscheinend haben sich die Verleger etwas übernommen. In kurzer Zeit hatten sie rund 100 Autoren um sich geschart, und kamen mit den Veröffentlichungen nicht mehr zurecht. Das hätte für mich und mein Buch eine Wartezeit von einigen Jahren bedeutet, und dies wollte ich mir nicht antun.
Hinzu kam noch das es unter den Autoren zum Unmut darüber kam, und einige den Verlag verlassen haben. Einige Tage nachdem auch ich ausgeschieden bin, hat der Verlag seine Pforten geschlossen. Durch meine anschliessende Eigeninitiative ist es mir dann gelungen mein Buch innerhalb weniger Wochen auf den Markt zu bringen.
D. K. Ich danke Ihnen für dieses Interview. Und für Ihre Offenheit. Ich wünsche Ihnen mit Ihrem Buch „Gesprengte Fesseln“ viel Erfolg, und das es einigen Betroffenen hilft sich zu befreien und ihr Elend nicht zu verstecken.
Erhältlich ist das Buch von Frau Remscheid über den Buchhandel
Books on Demand ISBN 978-3-8391-2873-2, Paperback,200 Seiten Pressekontakt: Dieter Kurtensiefen